Crazy Clips – Tanzcollage mit 120 bpm

Crazy Clips – Tanzcollage mit 120 bpm

„Crazy Clips“ ist ein Stück wie aus dem richtigen Leben. Spitz überzeichnet behandelt es in einem atemberaubenden Schnelldurchlauf Themen wie Medienvielfalt und Informationsgesellschaft, Reizüberflutung und Mangel an echten Gefühlen, das Bedürfnis nach Wärme und Zwischenmenschlichkeit in einer hektischen Welt, in der Information zu jedem Zeitpunkt und für jedermann verfügbar ist.

Zu einer wilden Musikcollage, bei dem die musikalische Begleitung im 30 Sekunden Rhythmus wechselt wird das Publikum einer wilden Achterbahnfahrt unterworfen:  von Bach bis Philip Glass, von Techno bis zur Nationalhymne, von HeintjesMamaaaa“ bis Richard Wagner’s wütendem „Walkürenritt“ nutzt Kreissig Musiken, die auch als kurzes Zitat schon ihre Wirkung entfalten. Die 13 Tänzer*Innen der Luzerner Companie schlüpften in eine Vielzahl von Rollen, wobei die Umzüge hinter der Bühne dank eines eingespielten Garderoben- und Maskenteams teilweise in weniger als 20 Sekunden stattfinden konnten.

Medialer Overkill und Überforderung

Eine offensichtlich frustrierte Hausfrau erkennt beim täglichen Channelflipping, dass sie ihre Träume verloren hat und ihr Leben ungenutzt verstreichen liess. Von Kanal zu Kanal hin und her zappend bereitet die Frau einen Salat zu. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den Figuren im Bildschirm und ihrer eigene Realität immer mehr.

Umringt von ihren Idolen der Film- und Fernsehwelt, Visionen und Wunschträumen, Figuren, die dem Neuen Testament, den „Gefährlichen Liebschaften“, „Doktor Schiwago“, „Koyaanisquatsi“, „Schwanensee“ und „Der Weisse Hai“ entsprungen sind taucht sie immer wieder in die virtuelle Ebene der Bilder ein. Immer wieder tauchen dabei ein Baby und ein Mann auf – das Kind, das sie nie hatte, und der Mann, der sie seit Jahren betrügt.

Mord und Totschlag

Als sie schliesslich in einem Akt schierer Verzweiflung ihren Ehemann umbringt, schneidet sie das Herz ihres Gatten, das ihr nun endlich ganz allein gehört, fein säuberlich kleingeschnitten als raffinierte Krönung in diesen „Salade Folle“. So wurde Crazy Clips ein Stück, das in vielerlei Hinsicht für Diskussionen sorgte.

Das Luzerner Wagnis

Mit „Crazy Clips“ trieb Kreissig seine Konzept der szenischen und tänzerischen Collage auf die Spitze. Erst in seiner letzten Spielzeit wagte er diesen Schritt, der das Publikum stark forderte: denn im innerschweizerischen Luzern waren eine Christusfigur, die den Gattenmord vergab und „Vreneli Helvetia“, eine auf der Bühne oft ratlos und verzweifelnde Personifizierung der Schweiz, durchaus gewagt. Doch das Luzener Publikum hatte sich von Kreissig uns seiner Truppe vier Jahre lang führen und verführen lassen, und bejubelte diese sarkastische Sicht auf die Welt.

Crazy Clips in Deutschland 1999

Vier Jahre nach der Uraufführung in Luzern wurde überarbeitete Kreissig seine „Crazy Clips“ für ein das Jugendtanztheater-Ensemble in seiner Geburtsstadt Reutlingen. In der Rolle des Ehemannes gastierte Martin Lutterbeck (Mitglied der „Wilden Bühne“ und Spieler bei den „Neckarwerken“) zu sehen, als frustrierte Ehefrau wirkte Renate Mach, die Leiterin des JTT selbst mit.

Die vielen kleinen Rollen wurden nun von 40 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 9 und 21 Jahren übernommen. Gleichzeitig wurde die Rahmenhandlung an die aktuelle politische Situation in Deutschland angepasst. Statt Schweizer Spiessertum tauchen nun deutsche Ausländerfeindlichkeit und die Mängel der Deutsche Einheit auf der Bühne auf der Bühne auf. Auch in der aktualisierten Fassung wurde alles satirisch und überhöht auf den Punkt gebracht.

Arbeit mit Jugendlichen

Tanzstücke bei Kreissig sind eben nicht fernab der Wirklichkeit, sondern im Gegenteil als Möglichkeit für Kinder und Teenager, mit unserer keineswegs kindgerechten Realität umgehen zu lernen. Kreissigs spezielles Unterrichtssystem E.i.S. (Energie im Spiel) sowie seine langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind hierbei eine wertvolle Hilfe. So vereint dieses Projekt künstlerische, politische und pädagogische Aspekte – ohne dabei die Unterhaltung des Publikums aus den Augen zu verlieren.

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