L’Italiana in Algeri / Dubai – Von Baulöwen und Wellness-Hotels

In Kreissigs aktualisierter „Italienerin in Algier“ sehnt sich die Heldin Isabella nach ihrem Verlobten, der als Bauingenieur in Dubai arbeitet. Der Schiffbruch des Originals gerät zum Flugzeugcrash auf der Landebahn, die Piraten werden zu Geschäftsleuten. Das komplexe Uhrwerk der Rossini’schen Orchesterwalze wurde einem Team aus jungen Sängern innerhalb von 3 Wochen in eine fein ziselierte, überaus komische Personenregie umgesetzt. Publikum und Presse waren gleichermassen begeistert 🙂

Gedankenblitze

Die Bühne als Ganzes stand fortgesetzt unter Strom. Ein Gewitter setzte zeitweise die Lichtanlage im Kurhaus ausser Kraft, gegen die Gedankenblitze der hochvirtuosen Regie (Thorsten Kreissig) hatte es keine Chance. Zur zweistöckigen Bühne kommen Spielorte wie die Seitengänge im Kurhaus und die gegenüberliegende Empore, und es entsteht eine Dolby-Surround-Dynamik, die wohl kaum zu übertreffen ist.

Der entscheidende Kunstgriff bestand darin, die Handlung aus dem beschaulichen Algier ins boomende Dubai zu verlegen. So mutierte der Sultan zum Baulöwen-Tycoon, nur einer von vielen charmant-subversiven Einfällen zur Political Correctness des Westens gegenüber der islamischen Welt. „Sale“ steht in fetten Lettern auf dem Koffer Elviras, als sie von ihrer schlechteren Macho-Hälfte im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste geschickt wird, damit er sich den vermeintlichen Verlockungen italienischer Weiblichkeit hingeben kann.(…)

Stuttgarter Nachrichten, 14. Juli 08, Hermann Wilske

Die Entführung in das Serail

Das Orchester sitzt längst im Graben und wartet ungeduldig auf den Einsatz des Maestro, doch der junge Komponist auf der Bühne arbeitet immer noch hektisch an den letzten Seiten der Ouvertüre.  (…)

Kaum ist die mit Federkiel geschriebene Partitur auf dem Pult des Dirigenten Ryuichiro Sonoda gelandet, gibt der später als versierter Cembalist im Orchester amtierende Rossini-Doppelgänger (Rocco Toscano) die Szene frei und schickt die Protagonisten seines Stücks auf eine Zeitreise. Aus dem Bey von Algier wird ein moderner Bauunternehmer in Dubai, aus seinem Lieblingssklaven Lindoro ein italienischer Architekt, der dort seinen ersten Auslandsauftrag bekommen hat. Miniflugzeuge einer italienischen Airline begleiten das Personal in einen Orient mit verschleierten Frauen (die Kostüme stammen von Claudia Möbius) vor einem Prospekt mit Wüstendünen, Bohrtürmen, Palmen und Minaretten (Bühne: Anton Lukas).

Mit wenigen Requisiten zaubert Kreissigs Team fantasievoll das Ambiente für eine ebenso subtil wie sinnfällig auf musikalische Strukturen reagierende Lesart des Stücks. Sonoda animiert die brillanten Virtuosi Brunensis zu präzisem, dynamisch fein gestaffeltem Spiel. Die vom Startenor Raúl Giménez vorbereiteten Nachwuchssänger bieten beachtliches vokales Niveau. Besonders Savio Sperandío als viriler Mustafa und Elsa Giannoulidou als feurige Isabella beeindrucken bei dieser ersten szenischen Produktion der 1999 gegründeten Akademie Belcanto.

Stuttgarter Zeitung, 14. Juli 08, Werner Müller-Grimmel

Von Baulöwen und Wellness-Hotels

BAD WILDBAD. Gioachino Rossinis Opern-Hit „L’Italiana in Algeri“ behauptet bis heute eine wichtige Position im komischen Repertoire. So darf das komödiantisch überdrehte Stück auch beim Bad Wildbader „Rossini-Festival“ nicht fehlen und feiert heuer sogar einen zweifachen Triumph. Nach der konzertanten Festaufführung (die PZ berichtete) hatte die szenische Fassung mit durchschlagendem Publikumserfolg Premiere.

Erfolgreich nicht nur, weil Regisseur Thorsten Kreissig mit witzigen Spieleinfällen die Komödienhandlung aus dem historischen Algier ins bau-boomende „Übermorgenland“ Dubai verlegt, aus dem algerischen Bey Mustafà einen steinreich lüsternen arabischen Baulöwen-Scheich und aus dem Korsaren-Kapitän Haly dessen Securitychef Ali macht. Mustafàs italienischer Lieblingssklave Lindoro wird kurzerhand zum Skyscraper-Architekten umfunktioniert. Und die Havarie des italienischen Segelschiffes zum glimpflich verlaufenden Flugzeugabsturz in der Wüste. Als dessen Folge gerät die vornehme Dame Isabella nicht wie bei Rossini zwangsweise in Mustafàs Harem, sondern landet im Wellnessbereich eines Luxushotels.


Vor allem begeisterten die jungen, hochtalentierten Akteure, die sich musikalisch und insbesondere mit hinreißend buffoneskem Spiel ins Zeug legten. Da gab es mit dem brasilianischen Bassisten Savio Sperandio den gutmütig-gemütlichen Araber-Scheich. Der freilich einen herrlichen Wutanfall zu zelebrieren versteht, als die ersehnte Zweisamkeit misslingt. Und mit Elsa Giannoulidou eine Isabella von Format, die dank intensiver Körpersprache die weiblichen Waffen verführerisch einsetzt und mit ihrem geschmeidigen Mezzosopran nicht nur in der lyrisch klangschönen Kavatine „Per lui che adoro“ (Für ihn, den ich anbete) die Männer auf der Bühne und die Theaterbesucher umgarnte. (…)

Gemeinsam mit dem Philharmonischen Chor Transilvania Cluj und dem Orchester Virtuosi Brunensis gelang in der Premierenvorstellung eine Funken sprühende Stretta am Ende des ersten Aktes, die Ryuichiro Sonoda vom Dirigentenpult aus in bester Rossini-Crescendo-Manier kontinuierlich entfaltete und in ein stürmisches Furioso einmünden ließ.

Pforzheimer Zeitung, 14. Juli 08, R. Uhlig

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