Don Giovanni Reloaded – Highway to Hell

Donald Trump als Vorlage zu aktualisiertem Don Giovanni

Endproben in der Turnhalle – Bauunternehmerin Claudia Berger (Pia Niedhammer) und Hotelerbe Giovanni Casagrande (Leon Ritter) beim Neujahrsempfang

In der „Don Giovanni“ Adaption des Münchner Rupprecht Gymnasiums begegneten sich im Januar 2018 die #MeToo Debatte und die Münchner Schickeria. Denn die Handlung der Mozart’schen Oper wurde ins heutige München verlegt. Ein an den jungen Trump erinnernder reicher Hotelerbe verführt skrupellos Frauen  und macht dabei auch vor seinen Angestellten nicht halt. Schon bevor das Frauen verachtende Verhalten von Politikern und Vorgesetzten im Rahmen der #MeToo Debatte im Jahre 2017 breit diskutiert wurde, hatten sich die Teilnehmer*innen an dem Seminar „Musik und Bühne“ auf das „Don Giovanni“ Thema geeinigt. Auch wenn Donald Trumps „Grab them by the pussy“ in der finalen Textfassung nicht mehr zitiert wird, sind die Parallelen zu „Giovanni Reloaded“ als Prototyp des skrupellosen Machtmenschen unübersehbar.

Ein kurzes Video zur Entstehung des Stücks mit Ausschnitten aus den Endproben und den Vorstellungen finden Sie hier:

Einen ausführlichen Bericht zur Entstehung dieses Projektes finden Sie in meinem Kultur- und Innovationsblog.

Mozart meets Queen

Grosse Teile der Mozart’schen Originalmusik wurden durch Rock- und Popmusik ersetzt, neu arrangiert und für die vorhandene Band aus Geige, Gitarre, Bass, Trompete, Schlagzeug und Keyboards angepasst. Diese ungewöhnliche Verschmelzung der musikalischen Ausdrucksmittel machte die Figuren des Originals mitsamt ihren Konflikten auch für junge Menschen perfekt nachvollziehbar.

Der Plot

In der aktualisierten Fassung wird aus Don Giovanni der reiche Hotelerbe Giovanni Casagrande, die Rächerfigur des Komturs zur erfolgreichen Bauunternehmerin Claudia Berger. Als diese nach dem Neujahrsempfang ihrer Firma auf mysteriöse Art und Weise verschwindet und von der Polizei für tot erklärt wird, verzweifelt ihre Tochter Anna und sucht Hilfe. Bei ihren Freunden und auch bei den Geschäftspartnern ihrer Mutter. Die ganze Welt ist Bühne

Von der Idee zur vollwertigen Aufführung

Nach gut 14 Monaten Vorbereitungszeit fand im Januar 2018 dieses erstaunliche Projekt mit vier ausverkauften Vorstellungen seinen Abschluss. „Don Giovanni Reloaded – Highway to Hell“ hatte im November 2016 als erweitertes Schultheaterprojekt des Rupprecht-Gymnasium in München Neuhausen begonnen. Dank talentierter Darsteller und einem äusserst engagierten, hochmotiviertem Musiklehrer entwickelte es sich nach und nach zu einer vollwertigen Musiktheaterproduktion.

Theaterpädagogik vom Feinsten – über sich selbst hinauswachsen

Die Hinführung zur Selbstständigkeit der Schüler*innen spielte im Rahmen des Seminars eine große Rolle. Sie adaptierten das Libretto von Da Ponte gemeinsam und übertrugen in heutige Sprache. Alle Mitwirkenden erstellten im Laufe der Produktion eine psychologisch fundierte, realistische Biographie der eigenen Rolle. So haben sich die Darsteller*innen zu wirklichen Theaterprofis weiterentwickelt.

Grosse Opfer – Grosser Erfolg

Obwohl alle Darsteller*innen der Hauptrollen kurz vor Ihrem Abi standen, hatten sie auf die Hälfte ihrer Weihnachtsferien verzichtet. Innerhalb von sechs intensiven Probentagen wurde aus den vielen über ein Jahr hinweg angelegten Einzelszenen ein wirklich faszinierendes Spektakel perfektioniert: lebendiges Musiktheater, das fesselt, begeistert und berührt und so die Aktualität des Stoffes und der Musik spürbar macht.
In diesem letzten Probenblock kulminierten sämtliche inhaltlichen Diskussionen, das im Laufe der Monate durchgeführte Training von Präsenz, Diktion und Körperlichkeit sowie das Verständnis für die Rollenprofile. Gleichzeitig konnten alle in einem sicheren Raum bewusst ihre eigenen Grenzen erfahren – um diese dann mutig zu erweitern.

Das Rupprecht-Musiktheater-Ensemble

Giovanni (Leon Ritter) und Luca (Zeno Barbieri)

Die 17 Jugendlichen (9 Mädchen und 8 Jungen) traten in 2 Besetzungen auf. Einige brachten schon Vorerfahrungen aus Schultheaterproduktionen mit, andere sangen seit Jahren im Chor, manche Schüler*Innen tanzten ihrer Freizeit. So konnte Zeno Barbieri, der Darsteller des Luca (Leporello), seine Erfahrungen bei den Jugendproduktionen der Salzburger Festspiele einbringen. Leon Ritter zeigt als Giovanni die Gratwanderung zwischen dominanter Führungspersönlichkeit und charmantem Verführer.  und – ohne äussere Bestätigung auch vereinsamenden Lebemanns.

Konzentration bei den Schauspielübungen

Bei grossen Szenen wurden die Hauptrollen durch Mitglieder des Schulchors verstärkt, die als durchgehend präsentes Hotelpersonal, Rechtsanwälte, Journalisten, Security und Partygäste kleine Glanzlichter setzen und die Bühnehandlung so perfekt abrundeten.

Didaktischer Hintergrund

Andreas Obermayer im Gespräch mit den Schülern

Das Projekt wurde seit November 2016 im Rahmen des P-Seminars „Musik und Bühne“ entwickelt. Im Rahmen der gymnasialen Oberstufe müssen alle Schüler*Innen zusätzlich zu den normalen Fächern ein Seminar zur Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten (W-Seminar) und ein Praxis-Seminar, das auch mit externen Partnern durchgeführt werden kann belegen. Beide Seminare dienen zur Studien- und Berufsorientierung. Für den Abiturjahrgang 2016/18 hatte Andreas Obermayer, Musiklehrer am Rupprechtgymnasium und Leiter des Schulchores, das P-Seminar „Musik und Bühne“ angeboten, das von 17 Schüler*Innen belegt wurde.

Kreissig bei den Endproben in der Turnhalle

Bald zeichnete sich ab, dass ein Musical zur Aufführung gebracht werden sollte. Thorsten Kreissig wurde als externer Theaterprofi hinzugezogen, um zunächst einmal die Stückauswahl zu begleiten und dann im Anschluss die Umsetzung auf die Bühne zu betreuen. In einem für die Schüler*innen nicht immer einfachem Prozess machte er sie mit der Basis schauspielerischer Arbeit vertraut und führte sie aus den jeweiligen Komfortzonen hinaus. Je besser uns sichererdas Ensemble wurde, desto anspruchsvoller wurde die Regiearbeit.

Selbständige Arbeit und höchste Intensität

Elena (Helia Tahmabesi) und Marko (Leonard Anders)

Neben der Arbeit am Stück kümmerten sich einige auch um die Organisation, erstellten gemeinsam mit der Deutschlehrerin das Programmheft, bereiteten durch eigene Plakatentwürfe die Werbung vor und machten sich auch auf die Suche nach Sponsoren. Zusätzlich zum wöchentlichen Regelunterricht von 90 Minuten war das Projekt nur auf Grund zweier Intensiv-Seminare möglich. Direkt nach den Sommerferien zog sich das Seminar drei Tage zur Klausur zurück, um sich wirklich von morgens bis abends ungestört durch andere Aufgaben, Fächer und familiäre Bezüge voll und ganz dem Stück widmen zu können. Lange nächtliche Diskussionen bauten Vertrauen auf.

Dokumentation ist Trump(f)! Felix (Dr. Schulz) hält alles fotografisch fest

Im Januar 2018 schlossen sich dann 4 Tage Arbeit im Originalraum an. Dialoge, die bisher in 2 m Abstand erarbeitet waren, wurden plötzlich über die gesamte Länge der Turnhalle geführt. Auftrittswege durch den Park der Villa verlängerten sich auf 70 m, die innerhalb weniger Sekunden zurückgelegt werden mussten, die wenigen Möbelstücke des Bühnenbilds wurden Belastungstests unterzogen, indem die Darsteller*innen darauf agierten.

Professionelle Unterstützung

Die Schauspielerin und Synchronsprecherin Claudia Urbschat-Mingues, selber Schülermutter am Rupprecht, mit der Kreissig erstmals bei „Tante Tilly und die tollen Zwanziger“ 1996 in Hannover zusammengearbeitet hatte,  stellte den Kontakt her.  Sie kannte Kreissigs Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, und war sich sicher, dass  so etwas Einzigartiges entstehen könne. Als zusätzlicher Schauspielcoach hat sie die Produktion immer wieder begleitet und unterstützt.

Finanzierung und Spenden

Das gesamte Projekt wurde durch den Förderverein der Schule und einzelne Elternteile finanziell und durch tatkräftige Mithilfe unterstützt.

Freunde des Rupprecht-Gymnasiums e. V.
Albrechtstr. 7
80636 München
Fon: 089/1237366
Fax: 089/1211529-40
Mail: info@rupprecht-gymnasium-freunde.de

Lust auf noch mehr Details? Einen ausführlichen Entstehungsbericht finden Sie in meinem Kultur- und Innovationsblog.

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(Diese Unterseite wurde letztmalig am 18. Juli 2018 aktualisiert. Sollten Sie irgendwelche inhaltlichen oder formalen Fehler entdecken, freuen wir uns über eine entsprechende Rückmeldung unter info@kreissig.net. )