Don Giovanni Reloaded – Highway to Hell

Mozart, Queen und Filz in der Baubranche

Wie entsteht aufregendes Musiktheater? Wo begegnen sich Donald Trump, die #MeToo Debatte und die Münchner Schickeria auf der Bühne?
In der „Don Giovanni“ Adaption des Münchner Rupprecht Gymnasiums!
Also Mozart gespielt von Schülern? „Ma Si!“

Die Handlung der Mozart’schen Oper wurde ins heutige München verlegt. Ein reicher Hotelerbe verführt skrupellos Frauen  und macht dabei auch vor seinen Angestellten nicht halt. Schon bevor das Frauen verachtende Verhalten von Politikern und Vorgesetzten im Rahmen der #MeToo Debatte im Jahre 2017 breit diskutiert wurde, hatten sich die Teilnehmer*innen an dem Seminar „Musik und Bühne“ auf das „Don Giovanni“ Thema geeinigt. Auch wenn Donald Trumps „Grab them by the pussy“ in der finalen Textfassung nicht mehr zitiert wird, sind die Parallelen zu „Giovanni Reloaded“ als Prototyp des skrupellosen Machtmenschen unübersehbar.

Grosse Teile der Originalmusik, die ohne eine entsprechende klassische Sängerausbildung kaum zu bewältigen gewesen wären, wurden durch Rock- und Popmusik ersetzt. Durch diese ungewöhnliche Verschmelzung der musikalischen Ausdrucksmittel wurden die Figuren des Originals mitsamt ihren Konflikten auch für junge Menschen leicht nachvollziehbar.

Der Plot

In der aktualisierten Fassung wird aus Don Giovanni der reiche Hotelerbe Giovanni Casagrande, die Rächerfigur des Komturs zur erfolgreichen Bauunternehmerin Claudia Berger. Als diese nach dem Neujahrsempfang ihrer Firma auf mysteriöse Art und Weise verschwindet und von der Polizei für tot erklärt wird, verzweifelt ihre Tochter Anna und sucht Hilfe. Bei ihren Freunden und auch bei den Geschäftspartnern ihrer Mutter. Die ganze Welt ist Bühne

Von der Idee zur vollwertigen Aufführung

Nach gut 14 Monaten Vorbereitungszeit fand im Januar 2018 dieses erstaunliche Projekt mit vier ausverkauften Vorstellungen seinen Abschluss. „Don Giovanni Reloaded – Highway to Hell“ hatte im November 2016 als erweitertes Schultheaterprojekt des Rupprecht-Gymnasium in München Neuhausen begonnen. Dank talentierter Darsteller und einem äusserst engagierten, hochmotiviertem Musiklehrer entwickelte es sich nach und nach zu einer vollwertigen Musiktheaterproduktion.
Die Hinführung zur Selbstständigkeit der Schüler*innen spielte im Rahmen des Seminars eine große Rolle. So wurde das Libretto von Da Ponte gemeinsam adaptiert und in heutige Sprache übertragen. Alle Mitwirkenden erstellten im Laufe der Produktion eine psychologisch fundierte, realistische Biographie der eigenen Rolle. Die Musik wurde neu arrangiert, für die vorhandene Band angepasst und falls nötig in bequemere Tonarten transponiert. Im Oktober 2017 kamen ein Projekt-Blog und ein Instagram-Account hinzu, die von einigen Schüler*innen betreut wurden.

Theaterpädagogik vom Feinsten – über sich selbst hinauswachsen

Neben einer wirklich tollen und zeitgemässen Story haben sich die Darsteller*innen zu begeisterten Theaterprofis weiterentwickelt. Obwohl alle Hauptrollen kurz vor Ihrem Abi standen, hatten alle auf die Hälfte ihrer Weihnachtsferien verzichtet und innerhalb von sechs intensiven Probentagen aus vielen über ein Jahr hinweg angelegten, oft von ihnen eigenständig entwickelten Einzelszenen, Dialogskizzen und Kostümideen ein wirklich faszinierendes Spektakel perfektioniert: lebendiges Musiktheater, das fesselt, begeistert und berührt und so die Aktualität des Stoffes und der Musik spürbar macht.
In diesem letzten Probenblock kulminierten sämtliche inhaltlichen Diskussionen, das im Laufe der Monate durchgeführte Training von Präsenz, Diktion und Körperlichkeit sowie das Verständnis für die Rollenprofile. Gleichzeitig konnten alle in einem sicheren Raum bewusst ihre eigenen Grenzen erfahren – um diese dann mutig zu erweitern.

Das Rupprecht-Musiktheater-Ensemble

Giovanni (Leon Ritter) und Luca (Zeno Barbieri)

Die 17 Jugendlichen (9 Mädchen und 8 Jungen) traten in 2 Besetzungen auf. Einige brachten schon Vorerfahrungen aus Schultheaterproduktionen mit, andere sangen seit Jahren im Chor, manche Schüler*Innen tanzten ihrer Freizeit. So konnte Zeno Barbieri, der Darsteller des Luca (Leporello), seine Erfahrungen bei den Jugendproduktionen der Salzburger Festspiele einbringen. Leon Ritter zeigt als Giovanni die Gratwanderung zwischen dominanter Führungspersönlichkeit, charmantem Verführer und ohne äussere Bestätigung auch vereinsamenden Lebemanns.

Konzentration bei den Schauspielübungen

Die Darsteller wurde durch eine kleine Band aus Geige, Gitarre, Bass, Trompete, Schlagzeug und Keyboards live begleitet. Bei grossen Szenen wurden die Hauptrollen durch Mitglieder des Schulchors verstärkt, die als durchgehend präsentes Hotelpersonal, Rechtsanwälte, Journalisten, Security und Partygäste kleine Glanzlichter setzen und die Bühnehandlung so perfekt abrundeten.

Didaktischer Hintergrund

Andreas Obermayer im Gespräch mit den Schülern

Das Projekt wurde seit November 2016 im Rahmen des P-Seminars „Musik und Bühne“ entwickelt. Im Rahmen der gymnasialen Oberstufe müssen alle Schüler*Innen zusätzlich zu den normalen Fächern ein Seminar zur Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten (W-Seminar) und ein Praxis-Seminar, das auch mit externen Partnern durchgeführt werden kann belegen. Beide Seminare dienen zur Studien- und Berufsorientierung. Für den Abiturjahrgang 2016/18 hatte Andreas Obermayer, Musiklehrer am Rupprechtgymnasium und Leiter des Schulchores, das P-Seminar „Musik und Bühne“ angeboten, das von 17 Schüler*Innen belegt wurde.

Kreissig bei den Endproben in der Turnhalle

Bald zeichnete sich ab, dass ein Musical zur Aufführung gebracht werden sollte. Thorsten Kreissig wurde als externer Theaterprofi hinzugezogen, um zunächst einmal die Stückauswahl zu begleiten und dann im Anschluss die Umsetzung auf die Bühne zu betreuen. In einem für die Schüler*innen nicht immer einfachem Prozess machte er sie mit der Basis schauspielerischer Arbeit vertraut und führte sie aus den jeweiligen Komfortzonen hinaus. Je besser uns sichererdas Ensemble wurde, desto anspruchsvoller wurde die Regiearbeit.

Selbständige Arbeit und höchste Intensität

Elena (Helia Tahmabesi) und Marko (Leonard Anders)

Neben der Arbeit am Stück kümmerten sich einige auch um die Organisation, erstellten gemeinsam mit der Deutschlehrerin das Programmheft, bereiteten durch eigene Plakatentwürfe die Werbung vor und machten sich auch auf die Suche nach Sponsoren. Zusätzlich zum wöchentlichen Regelunterricht von 90 Minuten war das Projekt nur auf Grund zweier Intensiv-Seminare möglich. Direkt nach den Sommerferien zog sich das Seminar drei Tage zur Klausur zurück, um sich wirklich von morgens bis abends ungestört durch andere Aufgaben, Fächer und familiäre Bezüge voll und ganz dem Stück widmen zu können. Lange nächtliche Diskussionen bauten Vertrauen auf.

Dokumentation ist Trump(f)! Felix (Dr. Schulz) hält alles fotografisch fest

Im Januar 2018 schlossen sich dann 4 Tage Arbeit im Originalraum an. Dialoge, die bisher in 2 m Abstand erarbeitet waren, wurden plötzlich über die gesamte Länge der Turnhalle geführt. Auftrittswege durch den Park der Villa verlängerten sich auf 70 m, die innerhalb weniger Sekunden zurückgelegt werden mussten, die wenigen Möbelstücke des Bühnenbilds wurden Belastungstests unterzogen, indem die Darsteller*innen darauf agierten.

Professionelle Unterstützung

Die Schauspielerin und Synchronsprecherin Claudia Urbschat-Mingues, selber Schülermutter am Rupprecht, mit der Kreissig erstmals bei „Tante Tilly und die tollen Zwanziger“ 1996 in Hannover zusammengearbeitet hatte,  stellte den Kontakt her.  Sie kannte Kreissigs Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, und war sich sicher, dass  so etwas Einzigartiges entstehen könne. Als zusätzlicher Schauspielcoach hat sie die Produktion immer wieder begleitet und den Jugendlichen bei der handwerklichen Arbeit geholfen.

Finanzierung und Spenden

Das gesamte Projekt wurde durch den Förderverein der Schule und einzelne Elternteile finanziell und durch tatkräftige Mithilfe unterstützt.

Freunde des Rupprecht-Gymnasiums e. V.
Albrechtstr. 7
80636 München
Fon: 089/1237366
Fax: 089/1211529-40
Mail: info@rupprecht-gymnasium-freunde.de

 

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(Diese Unterseite wurde letztmalig am 11. Juni  2018 aktualisiert. Sollten Sie irgendwelche inhaltlichen oder formalen Fehler entdecken, freuen wir uns über eine entsprechende Rückmeldung unter info@kreissig.net. )